ZUSAMMENFASSUNG. Big is beautiful? Oder lieber klein arbeiten und groß denken? Wir sind der Meinung, dass klein nachhaltig und zukunftsfähig ist, aber dass wir trotzdem groß denken sollten, um die Skalierung komplexer Agroforstsysteme voranzutreiben. Wie das gemeint ist, erfährst du hier.
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Das Gespräch über die Skalierung regenerativer Landwirtschaft und komplexer Agroforstsysteme gewinnt langsam an Bedeutung. Angesichts zunehmender Herausforderungen wie Bodendegradation, Wasserknappheit, Starkregen, Artenverlust und Klimakrise ist das auch dringend notwendig. Denn die Frage lautet: Wie können wir mehr Menschen und mehr Flächen für eine Landwirtschaft der Zukunft gewinnen? Wie können komplexe Agroforstsysteme erfolgreich skaliert werden? Skalierung bedeutet in diesem Zusammenhang nicht nur ‘größer werden’, sondern auch: mehr Akteure einbinden, mehr Flächen umstellen und mehr Wissen teilen. Wie machen wir das konkret?
„Klein“ bedeutet nicht „weniger relevant“. Klein ist resilient und zukunftsfähig.
Komplexe Agroforst skalieren, aber wie?
Vereinfacht gesagt braucht es drei Dinge:
- Landwirt:innen, die bereit sind, (Teile) ihre Flächen umzustellen.
- Menschen mit fundiertem Praxis- und Theoriewissen, seien es Landwirt:innen oder deren Berater:innen.
- Finanzielle Mittel, um die Transformation zu ermöglichen.
Doch es braucht noch mehr:
- Saatgut und Pflanzmaterial
Ohne Vielfalt keine Resilienz. Das Saatgut sollte nicht patentiert und gentechnikfrei sein. Pflanzmaterial ist grundsätzlich vorhanden, aber noch nicht in ausreichender Menge und Vielfalt, um große Flächen zügig zu bepflanzen. - Vorbereitungszeit
Zwischen der ersten Idee und der Pflanzung vergeht oft bis zu ein Jahr – für Beobachtung, Vorstudien, Bodengutachten, Design und Planung des neuen Agroforstsystems. Diese Zeit ist entscheidend, um sicherzustellen, dass die gepflanzten Bäume und Sträucher sich am Standort durchsetzen, gut anwachsen und langfristig überleben. - Angepasste Maschinen und Werkzeuge
Pflanzung, Pflege und Ernte könnten effizienter werden, wenn Landmaschinen auf komplexe Agroforstsysteme angepasst würden. Hier liegt eine echte Innovationschance für ein Land wie Deutschland, das sich gerne als technologisch führender Wirtschaftsstandort präsentiert 😉
Landwirt:innen in der Klimakrise – Motivation zur Veränderung
Was kann Landwirt:innen motivieren, sich auf langfristige Systeme wie komplexe Agroforst einzulassen? Viele von ihnen erleben bereits heute die konkreten Folgen der Klimakrise: wiederkehrende Dürreperioden, zunehmende Starkregenereignisse oder massive Ernteverluste infolge extremer Wetterlagen. Dieses Erleben führt bei einigen zu einem wachsenden Bewusstsein dafür, dass das aktuelle industrielle Agrarmodell nicht zukunftsfähig ist. Gleichzeitig entstehen – wenn auch langsam – neue Möglichkeiten, die den Weg in eine nachhaltigere Landwirtschaft finanziell unterstützen, etwa durch Förderprogramme, Kooperationsmodelle oder die gesellschaftliche Nachfrage nach regional und regenerativ erzeugten Lebensmitteln. Diese Entwicklungen können eine wichtige Motivation für den Einstieg in komplexe Agroforstsysteme sein.
Bildung als Schlüssel – zielgericht und lokal
Erstens sind gezielte Bildungsangebote wichtig. „Gezielt” bedeutet in diesem Fall auch „für eine bestimmte Zielgruppe”. Wir glauben, dass kleine, lokal eingebundene Höfe und neue, junge Landwirt:innen, die sich auf ihre Umgebung einlassen, entscheidend sind. Die Arbeit in kleinem Maßstab ermöglicht es, differenziert zu arbeiten, auf das Feedback des Systems zu reagieren und Resilienz zu entwickeln. Unverzichtbar sind Bauernhöfe, Gemeinschafts- und Food-Forest-Projekte, die sich einem nachhaltigen Anbau widmen. Wer lokale Lebensmittelsysteme unterstützt und Produktionsmethoden wählt, stärkt nicht nur die ökologische, sondern auch die soziale Widerstandsfähigkeit. Klein ist nicht nur robust, sondern auch essentiell für unsere Zukunft.
Wissenstransfer über Klimazonen hinweg
Ein weiterer, oft unterschätzter Hebel zur Skalierung komplexer Agroforstsysteme liegt im Wissensaustausch über Grenzen hinweg – insbesondere zwischen Food Forests in unterschiedlichen Klimazonen. Warum ist das wichtig? In tropischen Regionen wachsen Pflanzen schneller, Zyklen verlaufen kürzer – die Lernkurven sind steiler. Fehler und Erfolge zeigen sich rasch; Lernprozesse verdichten sich. Die dort gewonnenen Erkenntnisse können für gemäßigte Breiten adaptiert werden – sei es durch resilientere Pflanzsysteme, optimierte Pflege oder neue Designprinzipien.
Besonders wirkungsvoll wird dieser Austausch, wenn er in enger Zusammenarbeit mit Forschungsinstituten erfolgt. So kann praktisches Erfahrungswissen wissenschaftlich begleitet, systematisch dokumentiert, validiert und weiterentwickelt werden. Gleichzeitig profitieren Forschungseinrichtungen von direktem Zugang zu Praxisdaten und realen Anwendungsbeispielen.
So entstehen lebendige Lernprozesse, die nicht nur die Effizienz und Resilienz von Food Forests weltweit stärken, sondern auch regionale Landwirtschaftssysteme innovativ und zukunftsfähig weiterentwickeln.
Retrospektive: Was wir aus der Geschichte lernen können
Noch vor einigen Jahrzehnten waren Kleinbäuerinnen und -bauern die Ernährer:innen der Welt. Sie produzierten Nahrung, pflegten die Landschaft und waren oft auch in der kommunalen Politik vertreten. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam der Paradigmenwechsel: Unter dem Motto „Nie wieder Hunger“ setzte man auf großflächige, industrialisierte Landwirtschaft – sowohl im kapitalistischen als auch im kommunistischen System. Rückblickend sehen wir: Dieses Modell hat viele Probleme geschaffen. Klein heißt resilient – ökologisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich. Viele kleine, dezentrale Strukturen schaffen Sicherheit, Vielfalt und Anpassungsfähigkeit. Das ist nicht nur die Aufgabe des FoodForestNetwork – das ist unsere gemeinsame Aufgabe.
Fazit: Klein kann nachhaltig und zukunftsfähig sein
Klein bedeutet nicht „weniger relevant“. Im Gegenteil: Kleinteilige, vernetzte, adaptive Landwirtschaft bietet Lösungen für globale Herausforderungen.Wer kleine Strukturen stärkt, lokale Lebensmittelsysteme fördert und regenerative Methoden unterstützt, arbeitet an einer widerstandsfähigen und zukunftsfähigen Ernährungskultur – für alle.
